WEITERE INFORMATIONEN ZU JOHANNES KRIESCHE

JOHANNES KRIESCHE

 

 

LICHTTEMPEL

Text zur Ausstellung in der Galerie im Regierungspräsidium Darmstadt

 

Auf nächtlichen Autofahrten sind Tankstellen unübersehbare Landmarken, unwiderstehliche Hingucker, die den Blick wie magisch anziehen. Betritt man diese gleißenden Glashäuser, überschütten sie einen mit hartem Licht aus flimmernden Neonröhren oder scharf fokussierenden Halogenstrahlern. Sie lassen jeden Besucher blaß aussehen, sind für das Auge nur schwer zu ertragen. In seinen Notturni mit Tankstellen nimmt Johannes Kriesche diese wer--be-wirksame Reizüberflutung programmatisch zurück, zeigt abgedämpfte Bilder von Bildern: Er malt nach Fotografien und überdeckt die Gemälde mit einer zentimeterdicken Schicht Paraffin. Es entsteht ein abgeschattetes Nachtreich, das sich der Erfassung entzieht. Aus harten Kontrasten werden sfumatisch verschliffene Nuancen, die wieder einen ‚unverblendeten‘ Blick gestatten. Die Kunst erobert sich so das Reich des freien Sehens zurück.

 

Die aufdringlich inszenierten Lichtgehäuse verwandeln sich in auratisch schimmernde, uneindeutige Gebilde, die zuzeiten an heilige Schreine oder schwebende Raumschiffe denken lassen. So nutzt Johannes Kriesche die profanen „Tempel“ der Neuzeit, um die Nacht als Zeit der Rätsel und Geheimnisse erscheinen zu lassen, sie ohne jedes Pathos wieder zu romantisieren. Durch die Paraffin-Schicht markiert er wortwörtlich eine kreative Distanz zur grellen Konsumwelt. Gleichzeitig reflektiert er mit der Sichtbarriere aus halbtransparentem Material die subjektive, jeder Wahrnehmung vorgelagerte Blende, die Künstler wie Betrachter gleichermaßen bestimmt. Mit seinen Nachtstücken antwortet Johannes Kriesche auch den berühmten Ikonen der Alltäglichkeit des amerikanischen Künstlers Edward Hopper. Hopper übersteigert die blendende Architektur der Metropolen, inszeniert Bars, Cafés und Tankstellen als überbelichtete Vitrinen, in denen Menschen ihre Einsamkeit und Bezugslosigkeit zur Schau stellen. Kriesche wiederum widersetzt sich mit seinem Reich der Zwischentöne symbolträchtig dem ‚Lichtzwang‘ der Städte.

 

Neben den Tankstellen verarbeitet Johannes Kriesche in seinen Paraffin-Bildern weitere Motive zum Thema Automobil, präsentiert zum Beispiel Autohäuser, „Car-Wash“-Paläste oder - in „Lichttempel 31 - Unterm Rad“ das neugestaltete BMW-Museum in München. Auch hier entzieht sich die Architektur dem forschenden Blick und wird ihrer Funktionstüchtigkeit enthoben. Bei diesem Transfer spielt das Paraffin eine symbolische Rolle. Das Material wird aus Öl, aus sogenannten Schmierölschnitten, gewonnen. Aus dem Öl als Basis des Treibstoffs, den die gleißenden Tankstellen verkaufen und der in wörtlichem Sinne Bewegungsmoment des Alltags ist, wird ein bildkünstlerisches Verfahren der Verunklärung und der kognitiven Verlangsamung. Genauso wie die gezeigte Architektur wird so auch das Öl seiner alltäglichen Funktion enthoben und erhält eine neue Bedeutung jenseits aller üblichen Zwecke.

In den Paraffin-Bildern zitiert Johannes Kriesche nicht nur reale Architektur, sondern auch künstlerische oder technische Utopien. So verwendet er in der dreiteiligen Arbeit „Unterm Rad“ die Fotografie einer Installation des Künstlers Olafur Eliasson mit einem vereisten Sportwagen, „Your mobile expectations: BMW H2R project“. 
Im benachbarten Bild zeigt er den visionären Schweizer Erfinder M. Gerder mit seinem berühmten motorisierten Einrad in den frühen 1930er Jahren auf großer Fahrt. Die Kunst wird bei der Darstellung des skur-rilen Gefährts in wörtlichem Sinne zum Transportmittel von Utopien, sie ist in der Lage - um mit der Konstruktion Gerbers zu sprechen - das „Rad neu zu erfinden“. Johannes Kriesche erweitert sein Spiel mit Abbildungsverfahren um eine zu-sätzliche Ebene, wenn er in die vorgelager-te Paraffinschicht Figuren einritzt. Vor den abgeblendeten Kulissen schweben schemenartige Akrobaten, die „losgelöst“ tanzen und die Bilder als Symbole für Mensch erscheinen lassen. 
Kriesche bemerkt dazu lakonisch: „Wir selbst bestehen ja auch aus ganz vielen Schichten“. Die übereinan der gelagerten Bildebenen sind so ein Symbol für die Vielschichtigkeit des Menschen, der sich auf der Bühne „Welt“ tänzerisch der Festlegung von außen zu entziehen sucht.

 

Ein zentrales Leitmotiv in Kriesches Werk ist „Transit“: Mit den Tankstellen zeigt Kriesche Orte, die am Weg liegen, Durchgangsstationen. Gleichzeitig fordern seine Bildern den Betrachter zu einem Transit des Blicks auf, denn sie verlangen ein Durchdringen der milchigen Schicht vor dem Gemälde. Einen Transit im übertragenen Sinne schließlich inszeniert Johannes Kriesche bei der Darstellung von Geschlechterrollen, indem er glamouröse Transvestiten auf die Bildbühne bittet. Diese ätherischen missing links zwischen männlich und weiblich erscheinen wie flüchtige, halbleere Schatten, fast wie Piktogramme. Zeigen die Paraffin-Bilder eine Abdämpfung durch eine vorlagerte Blende, reduziert bei den Transvestiten die Schemati-sierung die unmittelbare sinnliche Stimulanz. Der Betrachter wiederum muß eine Übersetzungsleistung, einen Transfer seiner Wahrnehmung vollziehen, um die fragmentarischen Gestalten in seiner Phantasie vervollständigen zu können. Eine Reduktion des Sinnlichen wendet Johannes Kriesche auch auf seine zuzeiten pornographischen „Lustengel“ an. Die ‚blendende‘, sexualisierte Präsentation von Körpern wird wie die Architektur in den Nachtstücken mittels aufgegossenen Paraffins ‚heruntergeregelt‘. Der tagtäglichen Sexualisierung der Medienwelt wird mit der Paraffin-Schicht eine etwas andere ‚Mattscheibe‘ entgegengesetzt. Die Drag-Queens als „Große Lustengel“, die sich der voyeuristischen Vereinnahmung dank des bildbestimmenden Schleiers entziehen, ironisieren auch en passant die traditionelle Männerwelt. So antwortet eine mit opulentem Kopfschmuck herausge--putzte „Shemale“ einem Denkmal Kaiser Wilhelms II. mit dem berühmten Adler-Helm, der stolz gen Himmel strebt. Die Trans-Gender-Figuren erzeugen so in vielfältiger Hinsicht einen Blickwechsel, einen Transfer der Bedeutungen.

 

In den Nachtstücken spielt das Licht die kompositorische und inhaltliche Hauptrolle. Der Serie „WunderdichLicht“ schließlich verleiht es den Titel und wird hier in mannigfachen Variationen durchgespielt: Überstrahlt werden die Bildbühnen jeweils von bizarren, altertümlichen Deckenlampen. Den „wunderlichen“ Beleuchtungskörpern antworten befremdliche, teilweise absurde Szenen mit vielsagenden Figuren aus dem Ensemble des Johannes Kriesche. 
Es erscheinen der erfindungsreiche Pilot des motorisierten Einrads, Transvestiten als „Diven“, die von den Paraffin-Bildern bekannten Akrobaten, Requisiten und Detailansichten aus dem Atelier, schließlich rätselhafte Tiere. 
Die Bilder zeigen eine surreale Ineinanderblendung von Raumsystemen, mischen „innen“ und „außen“. In diesen perspektivischen Labyrinthen präsentiert Kriesche ein menschliches Panoptikum, das so erstaunlich und vielfältig ist, so widersprüchlich und skurril, daß sogar das angeblich neutrale, immaterielle Licht aus der ‚Fassung‘ zu bringen ist. In diesem Sinne läßt sich der Titel vielleicht als Appell auslegen: „Wunder´ dich, Licht“.

 

Johannes Kriesches Bilder deuten Lebensräume neu, setzen der grellen Medien- und Konsumwelt Zwischentöne und Leerstellen entgegen. Sie überwinden spielerisch Gegensätze wie innen und außen, hell und dunkel, männlich und weiblich. So unterlaufen sie allzu bewährte Denkgewohnheiten und zeigen die Welt - um mit dem Motiv des Werks schlechthin zu sprechen - stets in einem neuen Licht.

 

Dr. Peter Joch, Direktor der Kunsthalle Darmstadt

Filme über Johannes Kriesche und sein Werk:


VITA JOHANNES KRIESCHE
1959 in Herzebrock / NRW geboren
1981–87 Studium der Malerei an der FH Bielefeld bei Prof.Inge Höher
1994–95 Studienaufenthalt in Rom
1996 Umzug nach Frankfurt a.M.
lebt und arbeitet in Offenbach und Frankfurt
seit 1987 Ausstellungen im In- und Ausland

Auszeichnungen
1. Kunstförderpreis „Offenbacher Löwe 2004“
Worpsweder Kunstpreis, 2017



Ausstellungen/ Messen (Auswahl)


Einzelausstellungen
1987    Galerie Friedemann, Gütersloh
1994    Galerie Infracom, Paris (F)
1995    Galerie Grabenheinrich, Gütersloh
             Studio Giolitti, Rom (I)
1996    Kirchliche Hochschule Bethel, Bielefeld (K)
1997    Galerie Otterstätt, Bielefeld
1998    Art Mac Can, Frankfurt am Main   
1999    Galerie Kunstwerk, Frankfurt am Main
2000    Galerie der Software AG, Darmstadt
             Galerie Kunstwerk, Frankfurt am Main (K)
2003    Galerie Edition 1, Frankfurt am Main
2004    Galerie KunstRaumMato, Offenbach am Main
             Galerie Kunstraum69, Hanau
2005    Galerie im Evo-TURM, Offenbach Main   
2006    Museum der Abguss-Sammlung Antiker Plastik, Berlin
             Galerie Artycon, Offenbach am Main
             Galerie MK 21, Hamburg
2007    Galerie ART BOX, Frankfurt am Main
             Galerie Gallus Theater, Frankfurt am Main
2008    Galerie KunstRaumMato, Offenbach am Main
             Galerie 84 GHz, München
2009    Regionalgalerie Südhessen, Darmstadt (K)
2010    Kunstforum Schloss Laubach, Laubach
             Heyne Kunst Fabrik, Offenbach am Main
             „Leda OF positions“, LUMINALE 2010
2011    Goethe Universität, Campus Riedberg
2012    Galerie Beck, Homberg (K)
             „Cutting Dreams“, LUMINALE 2012, Ffm           

             „Kunst privat“, Sammlung Etage 3, OF
2013    Galerie Katrin Hiestand, Landau
             „Straßenbilder“, Kunstforum,
             Schloss Wolkersdorf, Wien (A)
2014    LUMINALE 2014, Offenbach am Main
2015    „Schwein gehabt!“,
             Galerie Alter Schlachthof, Karlsruhe
2016    „Wenn die Vernunft die Augen schließt“,
             Galerie RubrechtContemporary, Wiesbaden
2017    Lichtinstallationen, Museum Boppard

Gruppenausstellungen
1986    Galerie ELF, Bielefeld
1987    Artibus, Kunstverein Bielefeld
             Kunstpreis Südliche Weinstraße, Landau
1988    Gruppe TÜR, Kunstverein Bielefeld (K)
1989    Galerie Baumgarte, Bielefeld
1990    „Interaktion 1“, Institut Français, Köln
             „Interaktion 2“, Rathaus Bastille, Paris (F)
             „Interaktion 3“, Galerie David, Bielefeld
1992    Offene Ateliers, Nancy (F)
1994    Paderborner Kunstverein, Paderborn
             Galerie Püschel, Paderborn
1995    Galerie Artevisive, Rom (I) (K)
             Palazzo Corvaja, Taormina (I) (K)
1996    Galeria Massenzio ARTE, Rom (I) (K)
             Galerie Rainer Wehr, Stuttgart
1997    Galerie Esplanade, Bad Dürkheim
1998    Galerie Riedel, Frankenthal
             Museum Guangzhou, China (K)
             „Hessiale“, Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Wiesbaden (K)

1999    Hessische Landesvertretung, Bonn   
             Kunststation Kleinsassen
             Schopenhauer-Gesellschaft, Frankfurt /Main
             Galerie A2A, Frankfurt am Main
2000     Kunstansichten, Offenbach am Main
2001     „Europaviertel“ Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main
              Kunstansichten, Offenbach am Main
2002    Galerie 69, Hanau
             Galerie der Software AG, Darmstadt
             Kunstansichten, Offenbach am Main
2003    Galerie BKI, Darmstadt
             „durchundurch“, Deutsches Ledermuseum, Offenbach
             Kunstansichten, Offenbach am Main
2004    Messe Art Frankfurt, Galerie ART BOX, Frankfurt am Main
2005    Galerie ART BOX, Frankfurt am Main,
             Messe Art Cologne „Künstler der Galerie“,
             Galerie Wildwechsel, Frankfurt am Main
2006    „Freischwimmer“, Historisches Museum
             Schloß Philippsruhe, Hanau
             „Lichträume“, Galerie Voigt, Nürnberg
2007    „Das Tier in der Kunst“, Galerie Bastian, Bielefeld
             „Kunst im Karée“, München
             „Art-Prozess“, Trapani, Sizilien (I)
             „OF-KUNST-2007“, Offenbach am Main
             „Wasserzeichen“, Shedhalle Tübingen
2008    „Migrare“, Galerie Artlantis, Bad Homburg
             „Luminale 2008“, Heyne Kunst Fabrik, Offenbach
             „Tra Parentesi“, Palazzo Ducale, Lucca (I)
2009    „LICHT 2“, Galerie Kloster Bronnbach, Wertheim
             „Höhenkoller“, Galerie Zeitzone, Berlin
             „Malerei“, Galerie Zentrifuge, Nürnberg
             „case mineme“, Galeria quattordici,  Lucca (I) (K)
2010    „Adalbert Road“, Galerie Zeitzone, Berlin,

              mit der Künstlergruppe K2 United-Painters
              „Der Stoff aus dem die Kleider sind“,
              bok, Offenbach am Main
             „GIPFELTREFFEN K2“, Schloss Wolkersdorf, Wien

2011    „Korrospondenzen“, Designhaus, Darmstadt
             „Art in the Dark“, Atelierhaus Darmstadt
             „PageArt“, Galerie KunstRaum Bernusstraße, Frankfurt        

             „7 auf einen Streich“, Galerie Katrin Hiestand, Landau
2012    „Transparenz der Farbe“, Galerie Kunst-Schäfer, Wi
             „6 Künstler bok“, Kunst-Spektrum, Krefeld
             „artbuyart“, Kunsttage Dreieich
2013    „Frauenbilder“, Kunstforum Seligenstadt
             „Offene Galerie“, Galerie 143, Dortmund
             „ruote d‘artista“, Palazzo Ducale, Lucca (I)
2014    „Levitation“, Galerie Artaffairs, Danzig (P)
             „Tausch“, Kunstmesse in der Heyne Kunst Fabrik, Offenbach
             „5 Jahre KunstRaum Riedberg“,
             Goethe-Universität, Frankfurt am Main
             „Art to Buy“, Kunsttage Dreieich
             „Cutting Dreams“, Lichtinstallation, Landesgartenschau Gießen
2015    „Musenzopf“,  Kunst in der Burg, Dreieichenhain
             „TRARI TRARA“, CWG Galerie, Offenbach am Main
             „Mehr Licht“, galerie m beck, Homburg/Saar
2016     „Zeitschleifen“, Haus der Stadtgeschichte, Offenbach
              „Farbe WEISS“, Atelierhaus Darmstadt
             „ART Karlsruhe, galerie m beck, Homburg/Saar
             „LUMINALE 2016“, Kunstverein Montez, Frankfurt am Main
2017    „Apokalypse des Realen“, Galerie im ATELIERFRANKFURT, Frankfurt am Main
             „Lost in Transition“, Atelierhaus Darmstadt / Kunst an der TU in Darmstadt