SEBASTIAN MÖGELIN

 

"CIRCUS SOZIPOP | MAL WAS ANSTÄNDIGES", 2013

Das Elefantengehege ist leer, die Löwen zurück im Käfig, die Maskerade abgeschminkt und die Menschenmassen verschwunden. Die Karawane zieht weiter und hinterlässt nichts, als einen schnell vergänglichen Geruch des Glamours.

Zirkus? Staatszirkus? Kunstzirkus? Verordnete Leidenschaft!

 

Geboren und aufgewachsen in Berlin-Ost verarbeitet Sebastian Mögelin in der neuen Serie seinen Werdegang vom Kind zum halbstarken Jugendlichen, aus der gegenwartsnahen Perspektive eines erwachsenen Berliners. Der benebelte Blick zurück vermischt sich unweigerlich mit dem bis heute Erlebten. DDR Staatseigentum kollidiert mit brachialem Konsumüberfluss. Geeignete Erziehungsmaßnahmen zur Heranführung an sozialistische Ideale paaren sich mit kapitalistischer Anarchie. Plakative Pop-Art mit dem Propaganda-Pinsel auf die Leinwand gebracht. Ein neuer Stil ist geboren. Sozialistische Pop-Art.

Vorhang auf, Manege frei, willkommen im Circus Sozipop!

 

Unfrei von Vorurteilen und stets fasziniert beschreibt Sebastian Mögelin seine Epoche vom Sozialismus bis kurz nach dem Mauerfall und den damit verbundenen Lebensumständen. 09. November 1989. Mauerfall. Ku`damm. „Hereinspaziert, Hereinspaziert“ (*). Alles bunt, alles besser, süßer Geruch des Westens, salutiert empfangen von libidinösen Versprechen der westlichen Werbediktatur. Endlich „Freiheit“ (*)! Hart erkämpfte Leichtigkeit stellt sich ein. Mit offenen Armen empfängt eine junge Frau die neue Unabhängigkeit.

 

Nicht immer offensiv, teils frei von Wertung und Verurteilung, wird Sebastian Mögelins Zweideutigkeit erst im Schwarzlicht sichtbar und muss einer erneuten Bewertung des Betrachters unterzogen werden.

Licht aus. Schwarzlicht an. Et voilà. Es werde Licht!

 

Kindheitsträume und Idole jener Zeit finden sich in Mögelins Werken wieder. „Juri“ (*) Gagarins Träume platzen auf einer Papierarbeit, „Der Osten handelt – Was tut der Westen“ (*) - eine Parole mischt sich im Schwarzlicht mit einer Liebestragödie, „Die letzte Träne“ (*) wird innig beim Bruderkuss auf einer 200 x 350 cm großen Leinwand vergossen und „Hörste? Hörste! – Es knackt im Apparat“ (*) bringt naiv zum Vorschein, was das Ministerium für Staatssicherheit der DDR schon lange vor der NSA hatte – Angst vor der Freiheit!

 

Selten fühlte sich Sebastian Mögelin durch das filigran geplante Monstrum der Mauer eingesperrt. Auch die menschlichen Tragödien, die solch ein an sich simples Bauwerk mit sich bringt, waren ihm in seiner Kindheit eher fremd. Das Leben und Erleben eines Kindes findet dort statt, wo der Schutzraum der Eltern gebaut wurde – oft nur ein kleiner Radius. Jedoch stellte er als Heranwachsender schnell die Frage „Warum dürfen die von Drüben rein und ich nicht raus?“. Aus einer Frage wuchs Neugier, aus Neugier Begierde und aus Begierde ein unaufhaltsames Verlangen nach einer Antwort.

 

Am Ende ist Sebastian Mögelin wieder zum Kind geworden und lässt den Betrachter der Werke durch seine rein subjektive Art der Vergangenheitsbewältigung gehen. Für den Einen ein fundamentaler Moment der Weltgeschichte, für den Anderen ein kurzes Intermezzo der Evolution.

Ein retroperspektivischer Blick auf naive Kindheitsbilder.

Amusez-vous bien!

 

© Text by Tillmann Woeske und Sarah Day

VITA

1981 geboren in Berlin
2002 – 2008 Student der Universität Potsdam (Kunst/ Mathematik)
2007 Student der Diplommathematik an der Universität Potsdam
Lebt und arbeitet in Berlin

Ausstellungen/ Messen (Auswahl)
2017     new object (solo show), RubrechtContemporary (Wiesbaden)

2016     RubrechtContemporary (Wiesbaden), Blooom /Art.Fair Cologne, Köln (DE)
2016     ML Projektausstellung (group show), Basel (CH)
2016     Galerie Michael Schultz (Berlin), Art Karlsruhe (DE)
2016     Stiftung Starke (group show), Berlin (DE)
2015     Auktion Bassenge, Berlinische Galerie, Berlin (DE)
2015     Mianki Gallery (group show), Berlin (DE)
2015     Stiftung Telefonseelsorge (group show), Berlin (DE)
2015     Positions Berlin, Berlin (DE)
2015     Milch und Honig (solo show), Woeske Gallery, Berlin (DE)
2015     Proud Collector Show at the Grand (group show), Berlin (DE)
2015     Galerie Irrgang (group show), Leipzig (DE)
2014     Christie´s Auction for Chaim Sheba, Berlin (DE)
2014     Stiftung Starke (group show), Berlin (DE)
2014     Auktion Bassenge, Berlinische Galerie, Berlin (DE)
2014     Stiftung Telefonseelsorge (group show), Mianki Gallery, Berlin (DE)
2014     Vienne Art Fair, Vienna (AT)
2014     Positions Berlin, Berlin (DE)
2014     Es gibt noch Richter in Berlin (solo show), Galerie Frey, Salzburg (AT)
2014     Art In Progress (group show), Galerie Frey, Salzburg (AT)
2014     One year behind, 100 years forwards (group), Woeske Gallery, Berlin (DE)
2014     Galerie Irrgang (group show), Leipzig (DE)
2013     Grand Opening (group show), Woeske Gallery, Berlin (DE)
2013     Christie´s Auction for Chaim Sheba, Berlin (DE)
2013     ZirkusSoziPoP (solo show), Woeske Gallery, Berlin (DE)
2013     Art Fair “Berliner Liste” in cooperation with Kunstkontakter, Berlin (DE)
2012     Glückskind (solo show), Galerie Frey, Vienna (AT)
2012     UF6 Projects Berlin, Blooom Art Fair Cologne, Köln (DE)
2012     Transluminale Biennial Detroit (group show), Detroit (USA)
2012     KAB (group show), Tokyo (JP)
2012     Ein Herz für Kinder (group show), Strychnin Gallery, Berlin (DE)
2011     Christie´s Auction for Chaim Sheba, Berlin (DE)
2011     UF6 Projects Berlin, Blooom, Art Fair Cologne, Köln (DE)
2011     BE(A)WARE (OF) THE B-SIDE (solo show), UF6 Projects, Berlin (DE)
2011     Time Remembered (group show), Galerie Thomas Punzmann Fine Arts, Frankfurt a M. (DE)
2011     stARTup in eine strahlende Zukunft (group), UF6 Projects, Berlin (DE)
2010     24 hours (solo show), UF6 Projects Berlin, Berlin (DE)
2010     Silly Gees Live in the Dark (group show), UF6 meets Galerie Michael Schultz (group show), Berlin (DE)
2007     MEER-UNTER, Altes Rathaus-Forum (group show), Potsdam (DE)

Collections (Auswahl)
Sammlung Berliner Volksbank, Sammlung Lemberg (DE/USA)
diverse Privatsammlung weltweit