SCHEINWELTEN

SCHEINWELTEN: Die Konstruktion der Wahrnehmung

Miroslav Wiedermann, Laas Abendroth, Ralf Kopp

04.10.–22.11.2013

 

Vom 04. Oktober bis zum 22. November 2013 präsentierte der Kurator Leander Rubrecht die Gruppenausstellung SCHEINWELTEN. Der Titel evoziert ein klassisches philosophisches Paradoxon: das Spannungsfeld zwischen der phänomenologischen Realität und ihrer künstlerischen sowie gesellschaftlichen Interpretation. In einer Ära, die zunehmend durch mediale Filter und die Selbstinszenierung des Kunstbetriebs geprägt ist, untersuchten Miroslav Wiedermann, Laas Abendroth und Ralf Kopp die Grenzen des Sichtbaren und die Fragilität dessen, was wir als „wahr“ oder „bedeutsam“ begreifen.

 

Die Metaphysik des Objekts: Miroslav Wiedermann

Miroslav Wiedermanns Arbeiten bilden das plastische und symbolische Fundament der Ausstellung. In seinen Werken verschmelzen handwerkliche Präzision und tiefgründige Metaphorik zu einer Befragung menschlicher Existenzgrundlagen.

Ein zentrales Exponat der Schau ist die überdimensionierte Mausefalle aus der Serie „Die Zeit und die Falle“. Durch die monumentale Vergrößerung verliert das Alltagsobjekt seine banale Funktion und wird zum existentiellen Mahnmal. Die Falle steht hierbei symbolisch für die „Scheinwelten“, in die sich das Individuum verstrickt – sei es durch gesellschaftliche Erwartungen oder eines seiner wichtigen gesellschaftlichen Themen, wie der Kreditfalle. Ebenso eindringlich wirkt die Serie „Die Zahl und das Rind“. Hier konfrontiert Wiedermann den Betrachter mit der Entpersonalisierung des Lebendigen. Durch die Kombination aus archaischer Tierdarstellung und systematischer Nummerierung thematisiert er die Degradierung des Individuums zur bloßen statistischen Größe in einer rationalisierten Welt. Wiedermann demaskiert die Scheinwelt der Ordnung, hinter der sich oft die Kälte der Verwertung verbirgt.

 

Die Ironie des Systems: Laas Abendroth

Einen radikal anderen, konzeptionellen Ansatz verfolgt Laas Abendroth. Sein Werk ist tief im Geist von Dada, Fluxus und einem „konzeptuellen Realismus“ verwurzelt. Abendroth nutzt die „Scheinwelt“ des Kunstbetriebs selbst als sein primäres Material. Mit einer Mischung aus feiner Ironie und existenzieller Ernsthaftigkeit hinterfragt er die ungeschriebenen Gesetze von Relevanz und Marktwert. Seine Arbeiten – oft begleitet von prägnanten, sprachkritischen Manifesten oder Langzeitdokumentationen des scheinbar Banalen („Tempo povero“, „Langeweile heute“) – demaskieren die Inszenierung des Künstlerlebens. In der Ausstellung SCHEINWELTEN verkörpert Abendroth die Stimme, die daran erinnert, dass Kunst oft dort am wahrhaftigsten ist, wo sie ihre eigene Bedeutungslosigkeit behauptet. Seine Kunst ist kein Abbild, sondern ein Korrektiv zum „Zeitgeschehen“.

 

Die Transformation des Alltäglichen: Ralf Kopp

Ralf Kopp bringt eine materialkritische Komponente in das Projekt ein. In seinen Arbeiten transformiert er gewöhnliche Gegenstände oder Symbole in neue Sinnzusammenhänge. Kopp demaskiert die „Scheinwelten“ des Konsums und der gesellschaftlichen Übereinkunft, indem er die ursprüngliche Funktion seiner Sujets entfremdet. Seine Kunst fordert eine aktive kognitive Leistung: Die Diskrepanz zwischen dem, was man zu sehen glaubt (das Klischee, das Objekt), und dem, was sich in der künstlerischen Transformation offenbart, erzeugt eine produktive Reibung, die den Blick für das Wesentliche schärft.

Der Ausstellung ist es mit dieser Zusammenstellung gelungen, eine kohärente Erzählung über die Subjektivität der Wahrnehmung zu weben. Während Wiedermann durch symbolstarke Objekte wie die „Mausefalle“ existentielle Ängste und Systemzwänge physisch erfahrbar macht, öffnet Abendroth den Blick für die soziologische Scheinwelt des Kulturbetriebs, während Kopp die materielle Welt hinterfragt.

In der Zusammenschau dieser drei Positionen wird deutlich, dass Kunst niemals nur ein Fenster zur Welt ist, sondern immer auch ein Sezierinstrument, das die Fassaden unserer Realität freilegt. Die Ausstellung SCHEINWELTEN bleibt damit ein wichtiges Zeugnis für die Kraft der zeitgenössischen Kunst, die Gewissheiten des Alltags nachhaltig zu erschüttern.

Leander Rubrecht, Kurator (2013)

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