DUNKLE ROMANTIK
Die Anziehungskraft menschlicher Abwege.
DENIZ ALT
05.12.2014 - 13.02.2015
Kurator: Leander Rubrecht
DUNKLE ROMANTIK zeigt die langjährige Auseinandersetzung von DENIZ ALT mit der menschlichen Ambivalenz zwischen Faszination, Bestürzung und das Erschrecken über die Gewaltfähigkeit der menschlichen Spezie. Gestern - so wie noch heute.
Deniz Alt
Mit „Dunkle Romantik" entwickelt der Städelschulabsolvent Deniz Alt ein künstlerisches Narrativ, das Erinnerungskultur, kollektives Trauma und die Widersprüche sinnlicher Wahrnehmung in einen vielschichtigen Dialog bringt. Im Zentrum steht das Schicksal der armenischen Frauen vor und nach 1915 — ein Thema, dem sich Alt, Deutsch-Türke mit armenischen Wurzeln, seit über zwölf Jahren mit wachsender künstlerischer und intellektueller Konsequenz widmet.
Seine Gemälde, Texte und Installationen operieren an der Schnittstelle von Gestern und Heute: In malerischer Reduktion, dominiert von Schwarz und Weiß als symbolischen Polen des Guten und Bösen, des Lichts und der Dunkelheit, entwickelt Alt eine Bildsprache, die das Vergangene nicht rekonstruiert, sondern in der Gegenwart aufscheinen lässt. Die überzeichneten, verschwommenen Figuren — Menschen, deren Leben buchstäblich ausgehaucht wurde — verweigern sich der eindeutigen Lesbarkeit und fordern den Betrachter zur eigenen Positionierung heraus.
Die Frage nach Identität durchzieht das gesamte Werk: die persönliche Identität des Künstlers ebenso wie die kollektive Identität von Kulturen, die durch Gewalt und Verdrängung fragmentiert wurden. Armenier, Griechen, Assyrer, Aramäer — ihre Traumata unterscheiden sich kaum voneinander und verbinden sie gerade dadurch zu etwas Universellem. Auf Reisen nach Istanbul, Buenos Aires und Montreal — stets auf der Suche nach Spuren des Verfalls und des kulturellen Gedächtnisses — entwickelte Alt eine Bildsprache, die das Individuelle ins Allgemeingültige überführt.
Die begleitenden Texte, in Gedichtform verfasst und als gerahmte Werke präsentiert, sind keine Erläuterungen zur Malerei, sondern eigenständige künstlerische Positionen: dunkle, lyrische Suchbewegungen zwischen Trauer, Sehnsucht und dem archaischen menschlichen Verlangen nach Liebe und Zugehörigkeit. In ihrer Verbindung mit den Gemälden entsteht ein Gesamtwerk, das die Grenzen zwischen Bild, Sprache und Erinnerung produktiv ins Schwanken bringt.
„Dunkle Romantik" ist keine historische Aufarbeitung — es ist eine künstlerische Reflexion über die Zeitlosigkeit menschlicher Abwege, über jene schmale Grenze zwischen individueller Genialität und kollektivem Trauma, zwischen Wahnsinn und der unzerstörbaren Sehnsucht nach einer besseren Welt.
