Cover: The Red Couch Project 1986
Cover: The Red Couch Project 1986

Als junger NewYorker Kunstabsolvent zog Clarke 1976 nach Basel, Schweiz für eine kurze Assistenz bei Joseph Beuys. Der Entschluss, nach Europa zu reisen, prägte von nun an sein künstlerisches, wie auch privates Leben!

Gegenkatalog zur dokumenta 6: Kunst und Medien
Während der documenta 6 im Jahr 1977 nahm Clarke an der von Joseph Beuys geleiteten Freien Universität teil. Dazu veröffentlichte Kevin Clarke gemeinsam mit Hans D. Baumann, Ulla Baumann, Lucia Bunse, Horst Wackerbarth und Michael Goos den kritisch-reflexiven Gegenkatalog Kunst und Medien zur documenta 6. Mit einer verkauften Auflage von über 21.000 Exemplaren, erschienen im Kasseler Stadtzeitung Verlag, fand das 291-seitige Werk eine breite Beachtung und gilt als bedeutender Beitrag zur medienkritischen Kunstdiskussion der 1970er Jahre gilt.

KAUFHAUSWELT
Ein Jahr später bot sich Clarke die Möglichkeit, das kritisch-reflektive Projekt vom Konsum der Kunst zur Dokumenta, dieses auf den Kommerz, den Konsum der Warenwirtschaft mit Hilfe der Konzteptfotografie zu beziehen. So fotografierte Kevin Clarke sechs Monate – von 1978 auf 1979 – jede Abteilung im West-Berliner Kaufhaus des Westens. Das damals frisch renovierte KaDeWe war das größte und exklusivste Kaufhaus im damals geteilten Berlin. Mit einer Leica 35-mm-Kamera und einem Stativ fotografierte Clarke die Produkte, die Verkäufer und ihre Präsentation. Die 72 Bilder zeichnen einen subtilen Blick auf die Verkäufer und die Verkaufsoberfläche – abwechselnd ironisch, eigenwillig, humorvoll und zutiefst aufschlussreich. Die Serie wurde erstmals 1980 im Frankfurter Kunstverein ausgestellt. Der deutsche Philosoph Wolfgang Fritz Haug, Autor von Kritik der Warenästhetik (Suhrkamp, 1972), schrieb einen einführenden Essay zu dem Buch. Der Verleger Lothar Schirmer, zugleich einer der größten Kunstsammler Europas, lehnte das Buch ab.  Letztendlich verfasste der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Hans J. Scheurer das Vorwort für den Katalog. Die Wirkung dieser Fotografien wird derzeit von Kunsthistorikern in Deutschland und den USA neu bewertet.

Kunstperformance POOL (1979)

Im Oktober 1979 besuchte Clarke seinen Künstlerkollegen Russel Maltz in New York City. Während seines Aufenthalts übernachtete er auf der charakteristischen roten Couch in Maltz’ Atelierwohnung. Maltz lud Clarke ein, sich an seinem laufenden „Pool Project“ zu beteiligen.

Als Konzeptkünstler entwickelte Clarke in diesem Kontext erstmals die Idee, eine performative Konsumaktion zu inszenieren – eine Fortführung seiner vorangegangenen fotografischen Arbeit KAUFHAUSWELT. Zentraler Gegenstand der Performance war die rote Couch, die er in den Swimmingpool von Maltz transportieren ließ. Bereits während des Transports nach Long Island ergab sich eine spontane Erweiterung des Projekts: In Maltz’ Atelier porträtierte Clarke zunächst einen Liftboy auf der roten Couch mit seiner Nikon-Kamera. Diese erste Porträtaufnahme führte dazu, dass Clarke weitere Personen, die er als künstlerisch oder menschlich interessant empfand, in ähnlicher Weise fotografierte. So entstand der Ausgangspunkt für die spätere Serie der „Roten Couch“.

In Long Island installierte Clarke die rote Couch schließlich im Zentrum des Swimmingpools und führte dort seine eigentliche Kunstperformance POOL durch. In einer als „Konsumaktion“ angelegten Geste riss er Produktabbildungen aus einem Versandkatalog von Sears & Roebuck heraus und pinnte diese sukzessive an die Poolwand – arrangiert in einer dichten, an die Petersburger Hängung erinnernden Ordnung. Gleichzeitig dokumentierte er sich mit seiner Nikon und dem Selbstauslöser in verschiedenen Posen während der Aktion.

Nach Abschluss der Performance brachte Clarke die rote Couch zurück in Maltz’ Atelier und präsentierte ihm die entstandenen Fotografien der Aktion sowie die neu begonnenen Porträts. Beeindruckt von den Ergebnissen schenkte Maltz ihm daraufhin die rote Couch. Wenige Tage später besuchte der Fotograf Horst Wackerbarth Clarke, sah die Abzüge der ersten Rote-Couch-Porträts und schlug Clarke vor, die Idee gemeinsam weiterzuentwickeln. Aus diesem Impuls heraus entstand schließlich das groß angelegte, international bekannte „Red Couch Project“.

 

The Red Couch. A Portrait of America (1980–1984)

Ausgehend von der 1979 in New York initiierten Kunstperformance POOL entwickelte Clarke ab 1980 die konzeptfotografische Serie mit der ikonischen roten Couch, die 1984 in der Publikation The Red Couch. A Portrait of America (Alfred van der Marck Editions / Harper & Row) ihren Abschluss fand.

In diesem langfristig angelegten Projekt porträtierte Clarke sowohl prominente als auch anonyme Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten auf derselben roten Couch, die er zu diesem Zweck quer durch das Land transportierte. Die Couch fungierte dabei als konzeptuelles und visuelles Konstantum, das alle Dargestellten in eine symbolische Gleichordnung brachte – ungeachtet ihrer sozialen, ethnischen oder kulturellen Herkunft. Das Projekt verstand sich als visuelle Kartografie der amerikanischen Gesellschaft und zugleich als kritischer Kommentar zu Fragen von Identität, Repräsentation und Konsumkultur im späten 20. Jahrhundert.

Die Serie umfasst rund einhundert Farbfotografien und zeichnet ein facettenreiches Porträt der Vereinigten Staaten in ihrer sozialen und kulturellen Heterogenität. Durch die immer wiederkehrende Präsenz der roten Couch entsteht eine spannungsvolle Ambivalenz zwischen Dokumentation und Inszenierung. Diese erzeugt eine subtile, bisweilen komische, beinahe surrealistische Wirkung, die in ihrer lakonischen Strenge an filmische Bildwelten etwa eines Buster Keaton erinnert.

Clarke kooperierte bei der Realisierung des Projekts mit seinem Fotografenkollegen Horst Wackerbarth, in dem sie sich die verschiedenen Persönlichkeiten für die Porträts aufteilten. In der Folge kam es jedoch zu urheberrechtlichen Differenzen über die künstlerische Urheberschaft der Grundidee, die laut Clarke, schließlich zugunsten von Clarke entschieden wurden.

The Red Couch. A Portrait of America wurde international ausgestellt und vielfach publiziert; die ikonische rote Couch entwickelte sich zu einem wiedererkennbaren Motiv, das auch in Werbung und Populärkultur breite Rezeption fand.


DNA-Porträt
Sein erstes DNA-Porträt entstand 1988, nachdem Clarke im Austausch für die Bereitstellung seines genetischen Materials zu Forschungszwecken eine Kopie seines eigenen genetischen Codes erhalten hatte. Aus dieser Datenbasis entwickelte er ein Selbstporträt, das den Ausgangspunkt für eine fortlaufende künstlerische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Identität, Biologie und Repräsentation bildete. 1992 folgten erste Porträtserien unter dem Titel Vom Blut des Poeten, die unter anderem Künstlerfreunde wie Jeff Koons und John Cage darstellten. Im Rahmen einer Einzelausstellung im Museum Wiesbaden entstand zudem eine Reihe von Bildnissen prominenter Persönlichkeiten des Landes Hessen. 2002 erhielt Clarke von der Baden-Württembergischen Bank den Auftrag, mehrere großformatige DNA-Porträts bekannter Persönlichkeiten des Landes – darunter Helmuth Rilling, Christiane Nüsslein-Volhard und Friedrich Schiller – für das Hauptgebäude am Stuttgarter Schlossplatz zu gestalten. Für das Porträt Schillers wurde Clarke eine originale Haarlocke des Dichters zur Verfügung gestellt, die als Ausgangspunkt der genetisch-künstlerischen Umsetzung diente. Die Werksphase DNA-PORTRÄT begleitet Kevin Clarke bis heute. Das aktuell letzte, medienmedial kommunizierte DNA-Porträt schuf Clarke 2025 von Frank Brabant, einen der bedeutenden Kunstsammler der Region und darüber hinaus.

Mikey Flowers 9/11
Clarkes letztes New Yorker Projekt galt den Anschlägen vom elften September 2001. „Mikey Flowers 9/11“ basiert auf Fotos des Betreibers eines gleichnamigen Blumengeschäfts, der als einer der ersten vor Ort Aufnahmen des kollabierenden World Trade Centers schoß und dabei selbst fast das Leben verloren hätte. Clarke verbindet diese Aufnahmen mit den DNA-Strukturen Überlebender und schafft damit einen optimistischen Gegenentwurf zu jener anderen Anwendung der DNA-Analyse, die verwendet wurde, um die über dreitausend Opfer des unfassbarenTerroraktes zu identifizieren.

Die Vita von Kevin Clarke ist beeindruckend. Dennoch hat er sich im Kunstmarkt nie aktiv vermarktet und bis heute nicht den kommerziellen Stellenwert erreicht wie viele seiner Künstlerkollegen. Der Grund liegt wohl darin, dass er es nie für nötig hielt, sich selbst ins Rampenlicht zu stellen. Sein Antrieb war stets, seine Ideen und künstlerischen Konzepte zu verwirklichen – darin lag seine Form der Selbstverwirklichung. Rückblickend auf rund fünf Jahrzehnte seines Schaffens lässt sich sagen, dass er ein einzigartiges Œuvre geschaffen hat, das zweifellos seinen Platz in der Kunstgeschichte finden wird.

Text: Leander Rubrecht

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